Heiliger Raum, Herrliche Gelegenheit

Maria “gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge” (Lukas 2:7, Luther 84).

Was für ein Ort für eine Erscheinung Gottes! Nicht die komfortablen Unterkünfte vorbereitet für den erwartbaren Zustrom von Menschen im Zusammenhang mit einer steuerbasierten Volkszählung, sondern ein Unterschlupf für das Vieh, ein Stall, vielleicht nur eine einfache Höhle mit einer Futtertränke! Indem er sich hier zu erkennen gibt, zeichnet Gott diesen Ort aus mit einer prachtvollen Qualität und weist uns darauf hin, dass wir uns in Beziehung setzen müssen zu jedem Ort, an dem Gott sich offenbart. Die himmlische Herrlichkeit übertrumpft jeden irdischen Pomp und ermöglicht es, dass jeder Platz würdig sein kann als ein möglicher Ort für die Manifestation des lebendigen Gottes.

Ein Chor von Engeln erschien vor den Hirten, die sich daraufhin, erschüttert durch die Neuigkeit von dem wunderbaren Eingreifen Gottes in Bethlehem, auf den Weg machten aus der nahen Umgebung zum Stall, in dem Jesus lag. In ihrer Vision hatte Gott den Hirten gezeigt, dass Gott Orte nicht verachtet, die als banal angesehen werden. Als sie diesen bescheidenen Platz erreichten, kamen sie in die Gegenwart eines wehrlosen Säuglings, in dem Gott Fleisch geworden war. In Christus, dem zweiten Adam, in einer Krippe liegend, kam Gott in Gottes eigene Welt (Johannes 1:11), um uns aus unseren Sünden zu erretten (Matthäus 1:21).

Die Manifestation des Schöpfers an solch einem einfachen Ort sollte uns gewiss daran erinnern, dass wir unsererseits einer bleibenden Herausforderung gegenüberstehen – der Herausforderung, niemals irgendeine Umgebung als unwürdigen Ort für eine göttliche Erscheinung anzusehen und diese deshalb zu verachten und sie als nicht in Frage kommende Möglichkeit für diejenigen anzusehen, die Gott verehren wollen. Wir dürfen erkennen, dass Gott oftmals an ganz unerwarteten Stellen zu finden ist. Außerdem sollten wir uns darauf einlassen, wo auch immer und in welcher Form auch immer Gott sich zu erkennen geben mag, dass wir dem Ehre erweisen, den wir anbeten.

Auf unseren Straßen, in den Elendsquartieren unserer Städte und in den vergessenen ländlichen Bezirken, in hoch gebauten Villen und in einfachen niedrigen Hütten, an abweisenden vom Wind zerzausten Orten und auf fruchtbarem Boden, auf dem reiches Getreide wächst, überall und zu jeder Zeit kann Gott sich erkennbar machen. Wenn Gott inkognito erscheint, dann ist es von größter Bedeutung, dass wir den erkennen, der hier erscheint und dass wir die rechte Antwort geben.

Könnte es sein, dass Gott dir erst kürzlich erschien in der Gestalt eines Fremden, der in deinem Land ohne legalen Status lebt? Oder in einem Obdachlosen, fröstelnd in der bitteren Kälte oder erdrückt von der sengenden Hitze? Oder als jemand, der an Aids erkrankt ist oder abhängig ist von Drogen? Oder als ein Bettler, der auf einem Schild um eine Gabe bittet oder fast leblos am Boden liegt, gequält vom lähmenden Hunger? Wie hast du deinem Herrn geantwortet? Was hast du gesagt? Was hast du getan?

Möge uns der Heilige Geist während dieser Festtage dazu befähigen, wahrzunehmen, wo Gott vor uns erscheint, verhüllt in die Lumpen der Armut, versteckt im abgerissenen Outfit der Verwahrlosung, im Angesicht eines Obdachlosen, eines Drogensüchtigen oder eines sozialen Randsiedlers. Und wo immer sich Gott zu erkennen gibt, mögen dann die Alltäglichkeit des Ortes und die damit verbundenen Bilder, die uns abstoßen könnten, uns niemals davon abbringen, unsere Arme weit zu öffnen. Dann dürfen wir den willkommen heißen und umarmen, der uns eine wunderbare Möglichkeit eröffnet, den einzigartigen Reichtum unserer Menschlichkeit zu erkennen.

Neville Callam
des Generalsekretärs des Baptistischen Weltbundes

(Übersetzung ins Deutsche von Hans Guderian)